Basis-Informationen



Konstruktion und Funktion der Volksoboe (A) und Bambusklarinette (B)

Verbreitung und Geschichte


Konstruktion und Funktion der Volksoboe


Eine Volksoboe besteht aus einem Instrumentenkörper (Musikrohr) und einem Mundstück. Das Mundstück besteht aus einem Verbindungsröhrchen (Hülse), dem Rohrblatt und oft einer Lippenscheibe.

Das Musikrohr: Eine Schalmei besteht aus einem Rohr, das dem Instrument in der Antike seinen Namen (Aulos) gab; das "Musikrohr” ist ein Gefäss aus Holz, Bambus, selten aus Metall, zylindrisch oder konisch geformt. Volksoboen sind meistens aus Holz, Volksklarinetten aus BambusDas Musikrohr ist der grosse, gut sichtbare und repräsentative Teil des Instrumentes. Das Musikrohr, in welchem die Luftsäule schwingt, kann zylindrisch sein, d.h. einen gleichmässigen Durchmesser haben. Es kann sich auch gegen das untere Ende des Instrumentes allmählich erweitern, so dass eine konische Form entsteht. Zeit und Herkunft der konischen Form sind umstritten (schon in der Antike oder später?). Bei manchen Instrumenten ist die äussere Form konisch, der Hohlraum aber nahezu zylindrisch. Bei manchen Instrumenten wird die konische Form in zwei oder drei Stufen gebildet. Oft mündet das Instrument an seinem unteren Ende in einen Schalltrichter. Dieser kann mit dem Rohr zusammen aus dem gleichen Stück Holz gearbeitet sein oder zusätzlich aufgesetzt werden; der separate Schallbecher kann wiederum aus dem gleichen Holz, aus anderem Holz oder aus Metall sein.

Hülse: Die Hülse, auf welches das Doppelrohrblatt aufgebunden wird und das ins Instrument gesteckt wird, hat eine konische Form; es ist je nach Kultur und Instrument von sehr unterschiedlicher Länge und Form. Meistens wird diese Hülse, die heutzutage oft aus Büchsenblech behelfsmässig hergestellt ist, an dem Ende, welches in das Instrument gefügt wird, mit Faden so umwickelt, dass sie genau in die Instrumentenöffnung passt. Bei europäischen - klassischen ¬Oboeninstrumenten ist die Hülse mit einer Korkschicht umgeben.

Rohrblätter: Das Herz des Instrumentes, das ihm den besonderen Klang gibt, ist das Rohrblatt. Der Klang entsteht, wenn die Luft im Musikrohr in regelmässige Bewegung, in Schwingung versetzt wird. Diese Bewegung entsteht, wenn der Luftstrom, den der Musiker dem Instrument einhaucht, periodisch unterbrochen wird. Diese Unterbrechung kommt durch dass elastische "Blatt" zustande, welches der Spieler in den Mund oder zwischen die Lippen nimmt. Das "Blatt” kann grundsätzlich auf zwei Arten gebaut sein.

Doppelrohrblatt (Oboenblatt): zwei feine Lamellen öffnen und schliessen sich im Atemstrom und setzen ihn damit in rhythmische Schwingungen um. Traditionelle Doppelrohblätter haben je nach Instrument sehr verschiedene Formen und Grössen. DieDoppelrohr-Struktur kann dadurch entstehen, dass ein Halm zusammengepresst wird, oder es können zwei getrennte Lamellen genau aufeinandergepasst werden.

Aufschlagzunge (Klarinettenblatt): Eine feine Lamelle gibt eine Öffnung im Instrument abwechslungsweise frei und verschliesst sie wieder, was ebenfalls zu rhythmischen Schwingungen der Luft und damit zum Klang führt. Die Anforderungen an die Rohrblätter, die als Ventil funktionieren, sind ausserordentlich hoch. Sie erhalten "Anweisungen” vom Atemdruck und/oder Lippendruck des Spielers, dem sie präzis Folge leisten. Sie werden während Stunden, Tagen und Monaten beansprucht und sollen immer beweglich und elastisch bleiben. Breite, Länge, Dicke und Form der Blättchen bestimmen die Klangeigenschaften. Das Rohrblatt übersetzt die Impulse des Atemstromes und gibt sie an das Musikrohr rhythmisch weiter, wodurch es dieses zum Klingen bringt. Beschaffenheit und Qualität des Blattes bestimmen über Reichtum und Wärme des Klanges.

Lippenscheibe: Die kleinen Rohrblätter werden in der traditionellen Spielweise praktisch immer nicht zwischen die Lippen, sondern in den Mund hinein genommen. Damit die Lippen das Blatt leichter umschliessen, haben die Volksinstrumente oft eine Lippenscheibe, die den luftdichten Abschluss des Mundraumes erleichtert. Damit diese Lippenscheibe nicht auf der Hülse nach unten rutscht, weist diese eine Verdickung auf, welche die Lippenscheibe fixiert. Lippenscheiben können aus Kokosschale, Metall, Horn, Knochen oder Kunststoff sein. Bisweilen sind sie verziert.

Zirkuläratmung: Die meisten der Tradition verpflichteten Musiker blasen ihr Instrument mit einer schwierigen Atem- und Spieltechnik, der sogenannten Zirkuläratmung. Während des Spielens kann der Spieler ohne das Instrument von den Lippen abzusetzen die Luft aus den geblähten Backen, die eine Art Luftkammer bilden, in das Instrument blasen und durch die Nase einatmen. Dadurch wird ein sehr gleichmässig fliessendes Spiel möglich, ohne Unterbrechung, dass stundenlang fortgesetzt werden kann.


Konstruktion und Funktion der Klarinette


Die Bambusklarinette besteht aus einem zylindrischen Bambusrohr, welches den Instrumentenkörper bildet, und aus dem Mundstück.

Im Mundstück ist ein länglicher Spalt ausgeschnitten, der von einer fein gearbeiteten Bambuslamelle bedeckt ist. Welche den Spalt im Ruhezustand dicht verschliesst. Im Atemstrom öffnet und schliesst sich diese Lamelle rhythmisch. Dadurch gerät die Luft im Instrumentenkörper in Schwingung, sodass ein Klang entsteht.

Das Mundstück kann direkt in den Instrumentenkörper eingeschnitten sein, oder es besteht aus einem separaten Bambusröhrchen, welches in das Instrument genau hinein passt.

Bambusklarinetten sind oft Doppelinstrumente, wobei zwei Instrumente vom gleichen Spieler miteinander gespielt werden. Das zweite Instrument kann ebenfalls eine Melodie spielen oder einen Basiston, den Bordun. Bei der Launedda Siziliens sind es drei Instrumente, eines für jede Hand und ein Bordun.


Verbreitung und Geschichte


Mit dem Namen Schalmeien kann man Volksoboen und Volksklarinetten (aus Bambus) zusammenfassen. Verwandte Namen werden für die Volksoboe in vielen Sprachen verwendet: Shenai (Indien), Sarunai (Persisch), Sarune (Indonesien), Zurna (Türkisch), Zukra (Tunesien). Der Name Schalmei wird heute in der Musik jedoch vorwiegend für die in der sog. "alten Musik" verwendete Schalmeiform gebraucht und die Geschichte der Rohblattinstrumente wird manchmal erst im Mittelalter begonnen, was ihrer viel längeren Tradition nicht gerecht wird. Denn die Tradition der Volksoboen und Bambusklarinnetten haben eine Geschichte von über 3000 Jahren.

Volksoboen (mit Doppelrohrblatt) und Klarinetten (mit Aufschlagzunge) heissen Rohrblattinstrumente, da ihr Klang durch das Anblasen feiner Lamellen, meist aus Bambusrohr hergestellt, entsteht. Volksoboen werden in der Regel aus Holz, Volksklarinetten aus Bambus hergestellt.

Nachkommen der Schalmeien sind die moderne Oboe und das Fagott, die moderne Klarinette und das Saxophon. Entferntere Verwandte sind der Dudelsack, sowie, mit frei schwingendem Blatt: Harmonium, Akordeon, Mundharmonika. Das Saxophon wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden; die Klarinette entstand um 1700. D.h. die heute gebräuchlichen Rohrblattinstrumente sind noch recht jung, verglichen mit den Jahrtausenden der Volksoboen und Bambusklarinetten.

Unentbehrlich und Verfolgt: Rohrblattinstrumente sind durch die ganze Kulturgeschichte unentbehrlich, wann immer es um wichtige Gefühle geht, in der religiösen Ekstase, bei Ritualen, bei offiziellen Anlässen und privaten Feiern, im Militär und im Zusammenhang mit Tanz und Erotik. Weil sie es aber ermöglichen Grenzen zu überschreiten und Menschen zu bewegen wurden sie gleichzeitig schon in der Antike und später von Vertretern christlicher und islamischer Institutionen diskriminiert, aber auch von staatlichen Machthabern eingeschränkt und verdrängt. Mit der Musik wurden auch die wandernden Musikanten ¬beispielsweise im Mittelalter -, oder, bis in die Gegenwart, die Fahrenden verfolgt..

Heute in Europa erleben Schalmeien in einigen Gegenden eine intensive Rehabilitierung und sind für regionale Kulturen ein zentrales Instrument geworden, z.B. Bretagne, Südfrankreich (Occitanien), Katalonien und Nord- Spanien, einige Regionen in Italien sowie auf dem Balkan.

Naher Osten, Maghreb, Afrika: Die Instrumente finden sich überall an der Küste Nordafrikas (Ägypten, Algerien, Tunesien, Marokko). Es ist anzunehmen, dass sie bereits mit den Griechen und Römern, sowie mit den Phöniziern verbreitet wurden. In den ändern des südlichen Mittelmeeres wurden die Instrumente von der türkich-osmanischen Kultur "reimportiert"; die heutigen Instrumente sind weitgehend das Ergebnis der langen Besetzung durch die Osmanen. An die Südküste Afrikas (z.B. Zanzibar) kamen die Instrumente vermutlich mit der Schiffahrt des Gewürzhandels, möglicherweise ebenfalls bereits in der Antike.

Asien: In Asien erhielt sich die Schalmeitraditionen des Altertums kontinuierlicher als in Europa. Mit den islamischen Eroberungen wurden die Instrumente in vielen Ländern reaktiviert, wo sie schon in der Antike vorhanden waren. In der heutigen Weltmusik sind vor allem die indische und die türkische Schalmeimusik auch im Westen bekannt geworden. Aber bedeutende Schalmeiländer Asiens sind auch Pakistan, Indonesien (Sumatra und Java), Vietnam, Malaysia, Burma (Myanmar), Tibet, Nepal, China.

Mittel- und Südamerika: Spanische und Portugiesische Eroberer brachten die Instrumente mit sich. Sie wurden in vielen Regionen integriert, aber in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern durch die moderne Klarinetten und Saxophone abgelöst, so daß man Schalmeien nur noch in wenigen Gegenden findet (Nord- Guatemala, Peru) .

Die ältesten Musikrohre wurden in Mesopotamien ausgegraben (ungefähr 2800 vor unserer Zeit). Die Statuette des Spielers eines Doppelrohrinstrumentes von den Kykladen, der Inselgruppe zwischen Kreta, Kleinasien und Attika, gehört ins 3. Jahrtausend v. u. Z. und ist die erste plastische Darstellung eines Doppelrohrmusikanten. Ob es sich um Rohrblattinstrumente oder um Flöten handelt, ist ungewiss.

Antikes Ägypten: Eindeutige Doppeloboen finden sich auf den altägyptischen Grabmalereien. Neben den Instrumenten mit parallelen Musikrohren (wahrscheinlich Klarinetten), taucht auf den Grabfresken um die Mitte des 2. Jahrtausends v. u. Z. auch jenes Instrument auf, bei dem die beiden Musikrohre im schrägen Winkel zueinander gehalten werden und das der Doppeloboe, dem Aulos der Griechen entspricht. Die Ägyptische Doppeloboe war vermutlich vorwiegend ein Frauen- und Tanzinstrument.

Bibel: Schalmeien (Hallil, meist falsch mit Flöte übersetzt), sind an mehreren Bibelstellen erwähnt. Sie erklangen u.a. als David Salomo zum König salbte und Jesus zum toten Mädchen ins Haus kam.

Antikes Griechenland: Die Griechen schrieben den Ursprung des Instrumentes den Phrygiern zu, deren Heimat im anatolischen Hochplateau der heutigen Türkei lag. Die griechische Doppelschalmei, meist eine Oboe, heißt Aulos (Mz. Auloi) und hatte viele verschiedene Formen und Blätter. Bei den Griechen war es das wichtigste Blasinstrument, ein Nationalinstrument. Es gehörte zum Gefolge des Gottes Dionysos, Gott der Fruchtbarkeit, des Weines, der Grenzüberschreitung, der Ekstase und auch der Wiedergeburt. Zu Beginn des 1. Jahrtausends v. u. Z. werden Schalmeidarstellungen in den Ländern des östlichen Mittelmeerraumes häufiger und bei den Griechen wird der Aulos das wichtigste Blasinstrument für Rituale, Feste, Symposien und Unterhaltung, Kampf. Zahlreiche Abbildungen auf Vasen geben genaue Auskunft über die Formen von Instrumenten und vor allem auch über die Vielfalt der Rohrblätter.

Etrusker und Römer: Schalmeien waren in Italien bei den Etruskern (Sibulo) und im römischen Reich (Tibia) überall verbreitet. Es waren Nationalinstrumente, unentbehrlich für alle Anlässe. Berühmtwaren in Rom die syrischen Pfeiferinnen, Sklavinnen, die auch Liebesdienste leisteten und es gab ein angesehenes Kollegium von Tibiaspielern (tibicen) für rituelle Anlässe. Mit den Griechen (ev. auch Phöniziern) und Römern wurden die Instrumente im ganzen Mittelmeerraum und weit in den Norden (z.B. Köln) verbreitet.

Im Mittelalter in Europa wanderten Schalmeispieler mit den Troubadouren, die ihren Ursprung in Südfrankreich/Nordspanien (Occitanien) hatten, und anderen Wandermusikern durch das ganze mittelalterliche Europa, auch durch die Länder nördlich der Alpen. Sie spielten an den Fürstenhöfen ebenso zum Tanz auf, wie auf Jahrmärkten. Heutzutage ist in der sogenannt "alten Musik, die mit nachgebauten Instrumenten aus der betreffenden Zeit gespielt wird, eine Form der Schalmei ein zentrale Blasinstrument.

Im Europa des 18. Jahrhunderts begannen sich die Schalmeien in Europa zurückzuziehen und tauchten im frühen 20. Jahrhundert mancherorts in den Untergrund. Nur an wenigen Orten blieben sie im Volk lebendig. Ihren Platz bei Hochzeit und Begräbnis übernahm die Orgel; in den westlichen Konzertsaal zogen die modernen Oboen, Klarinetten und Fagotte ein. Ihr Ton lässt sich besser zähmen und ihr Klang fügt sich in das grosse gemischte Orchester. Für den individuellen und oft rebellischen Charakter der Schalmei blieb kaum Platz. Aber ihre individualistische Persönlichkeit lebt in der Klarinette und sogar der Handharmonika der Volksmusik, vor aber allem im Jazz weiter, wo Klarinette und Saxophon die ungezügelte Lebensfreude ihrer Vorfahren, aber auch deren wehmütige Stimme bewahrt haben.