Weltweit gesucht und geächtet

Schalmeispieler sind besondere Persönlichkeiten. Sie spielen für das Heilige in Tempeln, an Prozessionen und Hochzeiten oder zum kollektiven Tanz bei dem die Sinnlichkeit bis zur Ekstase und Trance gesteigert wird. Manche sind Schlangenbändiger und einige Heiler. In Europa wurde die Volksmusik der Schalmei, im letzten Jahrhundert neu belebt, mancherorts zum Nationalinstrument und zu einer Stütze regionaler Identität: in Katalonien und anderen Provinzen Nordspaniens, in der Bretagne, in Südfrankreich (dem Ursprungs­gebiet der Troubadours und einer der Hauptquellen europäischer Musik) und an bestimmten Orten Italiens.
Wir reisten während 25 Jahren zu Schalmeiern in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika. Wir trafen sie an ihrem jährlichen Treffen in den südfranzösischen Cevennen und bei den nächtlichen Festen der Bretagne, in den Prozessionen zu Ehren der Stadtheiligen in Sagarossa, an Weihnachten in Neapel und an ihrem Jahrestreffen im italienischen Scapoli, am Südende des Nationalparks der Abruzzen. Ausserhalb Europas zählen sie in vielen Ländern noch zur direkt überlieferten Kultur des Volkes: Wir hörten in Marokko die Schlangenbeschwörer, die heutzutage für Touristen spielen, begegneten dem Heiler einer Suffigruppe im Süden des Landes und dem Dorfmusiker in den Bergen von Tanger, aber auch der schicken Musikantengruppe im tunesischen Hotel. Wir stiessen zufällig auf den Schalmeibläser an der Hochzeitsfeier in Jemens Hauptstadt Sanaa und suchten einen Musiker in seinem Haus in Chiva (Usbekitstan) auf, einem der alten zentralasiatischen Zentren der Seidenstrassen oder im Kyrgysischen Oz; wir fanden Schalmeier im Staub am Strassenrand sitzend im pakistanischen Quetta, darauf wartend angeheuert zu werden; Schamleier spielten im Hochzeitstzug in Ajmer (Rajasthan) und im zugehörigen Tempelritual oder in der Wüste Tar (hart an der Grenze zwischen Indien und Pakistan); Tempelmusiker führten die hinduistische Prozession in Südindien an; wir suchten einen regionalen Schalmeispieler auf der langen Autoreise vom indischen Subkontinent über den Korakorumpass nach Westchina auf und trafen einen beim nächtlichen Tanz der Uiguren in der westchinesischen Wüste Taklamakan und einen anderen im Konservatorium von Hotan, der sich mit dem Bau einer Urform befasst, die nur aus zwei Halmen besteht. Wir kamen mit Musikern in Hanoi zusammen und auf der Insel Sumatra. Und immer wieder waren wir von ihrer Ausstrahlung beeindruckt, die sich in ihren Gesichtszügen spiegelt.
Schalmeispieler sind als Musiker zwar begehrt, haben aber als Berufsgruppe in vielen Ländern einen schweren Stand. Die zwiespältige Einstellung der Gesellschaft die sie erfahren, kennt man in Europa vor allem gegenüber den Fahrenden, den Sinti und Rom, welche die Sesshaften, die ihnen oft das Leben ungemein erschweren, Zigeuner nennen. Auch Strassenmusikanten begegnen vielerorts einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung durch die Bevölkerung, die ihnen mit allerlei Vorschriften und Schikanen Schwierigkeiten bereitet. Da die Schalmeimusik die Gefühle mobilisiert und seit dem Altertum mit der Erotik verbunden ist, wird sie von fundamentalistischen Kreisen verdammt, sowohl im Islam wie im Christentum. Im Mittelalter wurden nicht nur die Musiker kirchlich verfolgt sondern bisweilen alle die mit ihnen in Kontakt traten. Heute noch ist die Schalmeimusik von islamistischen Gruppen wie den Taliban besonders geächtet. In Indien gilt die Musikerkaste als unrein; Traditionalisten, die Schalmeier zu einer Hochzeit engagieren, verkehren mit ihnen nur über Mittelsmänner. Mehr Achtung geniessen Tempelmusiker, besonders im tibetischen Buddhismus. Aber Schalmeien wurden und werden auch in Prozessionen gespielt, beispielsweise am Osterfest in Nordguatemala vor der Kirche - aber nie in deren Innenraum. Religiöse Gruppierungen, die der Mystik nahe stehen, wissen die Schalmei zu schätzen, beispielsweise die Hamadscha in Marokko, welche Heilungsrituale mit Schalmeimusik gestalten.
Wir trafen die Schalmeispieler nachdem wir auf dem Markt oder auf der Strasse nach ihnen gefragt hatten und manchmal begegneten wir ihnen zufällig auf der Strasse. Eine Begegnung, Zufall oder Fügung, stand auch am Anfang unserer Reisen: Meine Frau Verena Nil suchte vor fast 30 Jahren in Thessaloniki auf einer gemeinsamen Arbeitsreise das Gespräch mit einem an einer Bushaltestelle wartenden Musiker, der ein Instrument in der Hand hielt, da sie wusste, dass ich ein Blasinstrument lernen wollte. Er lud uns auf den Abend zu sich in die Taverne und der Klang des Instrumentes faszinierte uns. Von da an reisten wir Jahr für Jahr auf den Kulturstrassen zwischen Asien und Europa, die als Seidenstrassen bekannt sind, sowie nach Afrika und Südamerika, in eine der Weltregionen, in der diese Volksrohrblattinstrumente noch lebendig sind. Oft konnten wir gegenseitig die Sprache des Anderen nicht verstehen und schon gar nicht sprechen aber die Musik, Gesten und Mimik sowie manchmal eine kleine Zeichnung ermöglichten eine Verständigung. Manchmal tauschten wir ein mitgebrachtes Instrument oder erwarben eines. So entstand unsere Instrumentensammlung, welche die Grundlage des Musik-Zentrums in Céret (Frankreich) (http://www.music-ceret.com/ ) bildet.
Wir machten niemals Tonaufzeichnungen, die von den Musikern, meist auf Grund unguter früherer Erfahrungen, oft als Ausbeutung ihres Könnens erlebt werden.
Wir erhielten immer die Erlaubnis zu Fotografieren, jedoch war unsere sprachliche Einschränkung so gross, dass wir nicht in der Lage waren, die korrekten Namen unserer Gesprächspartner zu notieren. Dazu kommt, dass die meisten Volksmusiker nur regional verständliche Künstlernamen tragen (wie beispielsweise „der jüngere Bruder“) und dass deren Umschrift in eine andere Sprache unzulänglich gewesen wäre. So bleiben die hier gezeigten Portraits namenlos, so wie unzählige Generationen früherer Volksmusiker, welche die Musikkultur überliefert haben, namenlos geblieben sind. Diese Namenlosigkeit bedauere ich und entschuldige mich dafür sowohl bei den Betroffenen, wie bei den Leserinnen und Lesern.
Nebst den Volksmusikern gibt es auch die meist in Konzertsälen und Tonstudios spielenden Schalmeibläser der europäischen „alten“ Musik, insbesondere des Barockzeitalters und der Renaissance; sie sind in dieser Veröffentlichung nicht vertreten.


Geschichte

Der Rohrblattklang begleitet die Menschheit seit der kulturellen Frühzeit. Gesicherte Dokumente finden sich vom 2. Jahrtausend v. u. Z. an im Kulturraum der Ägäis und des Mittelmeeres. Ein kontinuierlicher Kulturstrom reicht, bei allen Unterschieden und Veränderungen, von der Antike (Ägypten, Griechenland, Etrurien, Rom) über das Mittelalter zu den Schalmeikulturen der Gegenwart in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika, zum Jazz und zur Weltmusik. Schalmeien sind die Vorfahren unserer heutigen Oboen und Fagotte, der Klarinetten und Saxophone. Auch Akkordeon und Orgel sind entfernte Nachkommen. Volksoboen und Bambusklarinetten sind somit die einfachen und ursprünglichen Ahnen beliebter heutiger Instrumente, die an Volksfesten und Ritualen, in Konzertsälen, Tanzlokalen oder in Film und Oper zum Einsatz kommen. Diese Vorfahren sind einfach gebaut, bescheiden anzusehen aber aussergewöhnlich im Klang; sie sind den meisten Menschen unbekannt und werden oft verkannt.
Eine erste Blütezeit hatten die Schalmeien in Griechenland, ab dem 7. Jh. v. u. Z. Doppelschalmeien (Aulos, Mrz: Auloi). Es waren vorwiegend Instrumente mit zwei Spielröhren für die rechte bzw. die linke Hand. Auloi sind auch auf Fresken altägyptischer Gräber abgebildet. In ganz Grossgriechenland waren sie das führende Blasinstrument. Vielfältige Vasenbilder zeugen davon und vermitteln detaillierte Vorstellungen der Instrumente und ihres Gebrauches. Von den Hetären gespielt, begleiteten sie den erotischen Teil der als Symposien bezeichneten Zusammenkünfte der angesehenen Bürger. An den olympischen Wettkämpfen waren sie ebenso präsent, wie bei Prozessionen oder bei Opferhandlungen an den Altären, bei der Arbeit (beispielsweise beim Keltern oder Teig kneten), im Militär und im Kampfsport. Im alten und neuen Testament sind Schalmeien mehrfach erwähnt (Halil, Mz. Halilim). Im Alten Testament werden sie sechs Mal :1 Samuel 10:5; 1 Köni­ge 1:40; Jesaja 5:12 sowie 30:29 und Jeremia 48:36 sowie 51:27) und im Neuen Testament an drei Stellen genannt (Matthäus 9:23; erster Korintherbrief 14:7 und Offenbarung Johannes 18:22). Meist wird fälschlicherweise mit Flöte übersetzt. Schalmeien erklangen beispielsweise als Salomo zum König gesalbt wurde (1. Könige 1:28). Als Jesus zum toten Mädchen ins Haus trat (Matthäus 9:23) vertrieb er zunächst die Schalmeimusiker, welche bereits die Totenklage spielten.
Im römischen Reich waren die Tibiae für Opferhandlungen und andere Rituale unentbehrlich, aber auch zur Unterhaltung allgegenwärtig. Besonders geschätzte Musiker waren oft Etrusker (Instrumentenname: Sibulo). Auf den antiken Handels- und Kriegsrouten begleiteten Schalmeiinstrumente wohl ebenso Alexander den Grossen nach Indien, wie den Siegeszug des Islam.
Schalmeier zogen durch das mittelalterliche Europa und waren auch in den folgenden Jahrhunderten Wandermusiker. Sie begleiteten die Minnesänger und sind daher auch in der Manesseschen Liederhandschrift abgebildet. Zu den Turnieren wurde im europäischen Mittelalter Schalmei geblasen. Schalmeier spielten an den Höfen und auf Jahrmärkten. Beispielsweise enthält die Luzerner Chronik von Diebold Schilling (1513) das eindrucksvolle Bild eines Schalmeiduos das an der Fasnacht (Karneval) den Bürgern zum Tanz aufspielt. In den Darstellungen der Totentänze war die Schalmei, die bei Beerdigungen die Totenklage anstimmte, eines der Instrumente, mit denen die Menschen aus dem Leben geleitet wurden.
Im 17. Jahrhundert wurden in Europa Schalmeien allmählich auf das Land und zu den Hirten verdrängt. So lässt der Autor eines Gedichtes dieser Epoche die „moderne“ Oboe mit Verachtung zur traditionellen Schalmei sprechen:
„Weg Bäurische Schallmey! Mein Klang muss dich vertreiben
jch dien auf beede recht in Krieg und Friedens Zeit,
Der Kirche und bey Hof, da musst ferne bleiben,
mir wird der Reben Safft, dir Hefen Bier bereit,
du bleibest auf dem Dorff, ich wohn im Schloss und Städten,
dich ziert ein Pfenig-Band und mich die Guldne Ketten.”
Vom 18. Jahrhundert an zogen sich die Volksinstrumente zurück und tauchten im frühen zwanzigsten Jahrhundert mancherorts ganz in den ländlichen Untergrund ab. Dort blieben sie aber in einigen Regionen lebendig, und erlebten in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhundert ihre Rehabilitierung als regionale Nationalinstrumente.
Kontinuierlicher verlief ihre Geschichte in Asien und Nordafrika, wo sich die musikalische Überlieferung teilweise bis heute ungebrochen erhalten hat, allerdings stark bedrängt vom Aufkommen der Klarinette. In Südamerika, wo Schalmeien in vielen Ländern durch Portugiesen und Spanier eingeführt und von der einheimischen Musik adoptiert wurden, sind sie inzwischen nur noch in umschriebenen Regionen Guatemalas und Perus in Gebrauch.


Klingendes Rohr
und geheimnisvolles Blatt

Unter dem Namen Schalmei können zwei in sich vielfältige Gruppen von Blasinstrumenten zusammengefasst werden; Volksoboen und Volksklarinetten.
Der Instrumentenkörper der Oboen ist ein konisches oder zylindrisches Rohr aus einem harten Holz (z.B. Buchs, Olivenbaum, verschiedene Fruchtbaumhölzer, Teakhölzer, Ebenholz, vereinzelt auch Bambus). (Das Instrument kann auch von aussen gesehen eine konische Form haben, aber eine zylindrische Bohrung). Meist hat die Spielröhre 7 Spiellöcher für die Finger und ist ohne Klappenmechanik. Bei vielen Instrumenten gibt es auch ein Daumenloch, vereinzelt sogar zwei.
Volksklarinetten sind fast immer aus Bambus. Sie sind oft gedoppelt, d.h. es gibt zwei Spielröhren, für jede Hand eine, die zusammen gespielt werden. In der Antike waren auch die Oboen (Auloi, Tibiae) nach diesem Doppelprinzip gebaut.
Ein Schalltrichter am unteren Ende des Instrumentes ist entweder aus dem gleichen Holzstück wie die Instrumentenröhre oder separat aufgesetzt, aus Holz oder Metall, seltener aus Kürbis oder Horn. Trichter aus Holz haben in der Regel mehrere Schallöcher, welche die Klangqualität beeinflussen und das Risiko vermindern, dass das Holz springt.
Aufgrund der äusseren Erscheinung kann das Instrument mit einer Flöte oder Holztrompete verwechselt werden. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass diese beiden Instrumente keine Rohrblätter (siehe nachstehend) haben, denen die Schalmeien ihren besonderen, an Obertönen reichen Klang verdanken. In vielen Texten wird bis heute von Flöten gesprochen, wenn es sich um Schalmeien handelt. Früher hatte diese falsche Bezeichnung wohl auch damit zu tun, dass die Flötenmusik weit weniger verpönt war und somit ihre Erwähnung (beispielsweise in der Bibel oder in der Sage vom Rattenfänger von Hammeln) keinen Anstoss erregte.
Sowohl bei den Oboen wie bei den Klarinetten wird er Klang durch dünne Bambuslamellen, die «Rohrblätter», erzeugt, die vom Atemstrom des Musiker in rhythmische Bewegungen versetzt werden, wodurch die dem Klang zugrunde liegenden Schallwellen entstehen. Bei den Oboen sind es «Doppelblätter» die sich öffnen und schliessen, ähnlich den Stimmbändern im menschlichen Kehlkopf. Viele traditionelle Musikkulturen verwenden bestimmte zusammengepresste Halme statt der Bambuslamellen. Klarinetten funktionieren mit einem einfachen Blättchen, das über einen Spalt im Instrument montiert ist und die Öffnung rhythmisch frei gibt und wieder verschliesst («Aufschlagzunge»). Es sind diese Bambuslamellen oder Halme, welche dem Instrument seinen besonderen Klang verleihen, der die Gefühle mobilisiert; er muss nicht als schön empfunden werden, aber bewegend und erregend sein. Erfahrene Musikanten können ihr Instrument in einer Art zu klingen bringen, die der menschlichen Stimme besonders nahe kommt und es zum Lachen oder Klagen bringen.
Die Herstellung der «Blätter» ist eine besondere Kunst. Das verwendete Material wächst nur an ganz bestimmten Standorten. Das Rohr muss in einem ganz bestimmten Zeitpunkt geerntet werden. Jeder Spieler legt selbst Hand an um Feinheiten des ihm entsprechenden Klanges zu erzielen. Die Struktur des Materials ist so komplex, dass sich im rohen Zustand keine Voraussage darüber machen lässt, ob ein Blatt gut oder gar aussergewöhnlich klingen wird oder unzureichend wird. Die Blätter haben eine bestimmte Lebensdauer; mit dem Spielen werden sie zunächst wohlklingender; dann ermüden sie mit der Zeit, altern und sind schliesslich nicht mehr brauchbar. Alle Bemühungen die Geheimnisse der Eigenschaften der Blätter wissenschaftlich zu analysieren, beispielsweise um Voraussagen zu machen, erwiesen sich als unzureichend.
Die Oboenblätter werden auf ein kleines Röhrchen aus Metall oder aus einem Federkiel aufgebunden, dessen unteres Ende in die Spielröhre eingepasst ist. Die Klarinettenblätter sind entweder direkt im Instrument eingeschnitten oder in einem kleinen Bambusröhrchen das in das Instrument eingefügt wird.
In grossen alten Bläserkulturen wie Indien oder der Türkei sind Oboenblätter verhältnissmässig weich, werden ganz im Mund gehalten und fast nur mit dem Atemdruck reguliert; in Europa werden meist wesentlich härtere Blätter verwendet, die zwischen den Lippen liegen und durch deren Druck gesteuert werden, was eine erheblich anstrengendere und ermüdendere Spielweise bedeutet.
In der traditionellen Spielweise werden Schalmeien mit Zirkuläratmung geblasen, bei welcher der Spieler die Luft in den geblähten Backen speichert; während er sie in das Instrument hinein bläst atmet er gleichzeitig durch die Nase ein, so dass er das Instrument nie absetzen muss. Dadurch entsteht ein beliebig lang anhaltender, gleichmässiger Fluss der Musik.


Der magische Klang

Über die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte waren alle Feste und Feiern, religiöse und profane, nicht ohne Schalmeier durchführbar. Der magische Klang diente Priestern, Heilern und Heerführern, Liebenden und Trauernden.
Bereits ein altägyptischer Unterrichtstext, zur Schulung der Schreiber verfasst, warnt den Schüler die Gesellschaft von Frauen zweifelhaften Rufes zu meiden, die ihn verführen könnten, zur Oboe zu singen! Kleine Schalmeien auf der Insel Sumatra werden bis in unsere Zeit zur Liebeswerbung gespielt. Ursprünglich waren Schalmeien vorwiegend Instrumente der Frauen. Verbindungen bestanden zu den Mutter- und Erdgottheiten, zu Kybele und Demeter.
Auloi waren eng mit den Ritualen und Mysterien verbunden, deren Schirmherr Dionysos war, Gottheit der Grenzüberschreitung, der Ekstase, des Weins, überhaupt aller Sinnlichkeit, aber auch der Wiedergeburt. In seinem Gefolge waren die Schalmeier Satyren, sinnenfreudige und triebhafte Waldgeister. Im alten Rom selbst gab es sowohl ein angesehenes Musikerkollegium für Amtshandlungen und offizielle Anlässe wie auch die Sklavinnengruppe der syrischen Pfeiferinnen,welche für ihre Musik ebenso berühmt waren, wie für ihre Liebeskunst. Dass Tibiae im ganzen, grossen römische Reich bis Mitteleuropa gespielt wurden belegen unter anderem römische Mosaike in Köln.
Die Musik der Schalmei ist mit den Kräften des Lebens und der Zerstörung verbunden. Sie wurde immer auch zur Heilung von Krankheiten eingesetzt. Da diese Musik Macht über die Gefühle der Zuhörer besitzt, wird der Schalmeier als Magier wahrgenommen, der durch seine Musik Gewalt über Menschen erhält, wie der Rattenfänger von Hammeln. Die Schalmei ist Instrument der Grenzüberschreitung, der Sinnlichkeit und der Beziehung zum Übersinnlichen, zu Göttern und Dämonen, zu Teufel und Tod.
Ihre Fähigkeit heftige Gefühle zu mobilisieren, hat die Schalmei auch zu einem Begleitinstrument von Wettkämpfen werden lassen. In Indonesiens beispielsweise spielt die Schalmei noch heute zum einheimischen Kampfsport wie bei den antiken Griechen, Etruskern und Römern und den Turnieren des europäischen Mittelalters. Auch bei Ringkämpfen wird in manchen asiatischen Ländern bis heute Schalmei gespielt. Wir erlebten auch beim Pferdepolo in Ladakh, dem „indischen Tibet“, die Musikbegleitung mit Schalmei und Trommel.
Bei der aufstachelnden Wirkung, welche Schalmeien haben können, war es nahe liegend, dass sie im Militär eingesetzt wurden. Sie dienten im griechischen ebenso wie im römischen Heer. In der osmanisch-türkischen Armee waren sie das zentrale Melodieinstrument der Elitetruppe der Janitscharen. Während das Abendland deren Perkussion (vor allem die grossen Kesseltrommeln) in die „gehobene“ Konzertmusik einführte, wurden die Schalmeier in die westlichen Militärkapellen übernommen. Am französischen Hof gab es die Oboisten und bretonische Schalmeispieler waren noch im letzten Jahrhundert Militärmusiker in der französischen Armee.
Die Verwendung der Schalmei als Militärinstrument hat auf ihren Stil in der Volksmusik Europas sowie im osmanischen Einflussbereich (Türkei, Maghreb) zurückgewirkt. Sie erhielt den Ruf schrill und monoton zu sein. Aber es gibt auch eine zarte und intime Stilrichtung mit einem lieblichen emotionalen Ausdruck, die sich vor allem in Asien bewahrt und kunstvolle weiterentwickelt hat. Sie wird mit zylindrisch gebauten Instrumenten gespielt. Dazu zählen der Benaresstil der Shenai in Indien, das Duduk in Armenien und Georgien, die Mey in der Türkei und ein Teil der Aufführungspraxis in Südostasien. In neuerer Zeit findet diese subtile Stilrichtung bei der Wiederbelebung der Schalmeimusik für den Jazz und die Weltmusik auch im Westen vermehrt Beachtung.